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Wiederansiedlung des Europäischen und Baltischen Störs


Junger Europäischer Stör (Acipenser sturio), Foto: K. Wollny-Goerke
Junger Europäischer Stör (Acipenser sturio), Foto: K. Wollny-Goerke

Primäres Ziel des langjährigen Vorhabens ist die Arterhaltung eines der historisch bedeutendsten Wanderfische Deutschlands. So werden im Rahmen der Arbeiten wieder selbst-reproduzierende Bestände der beiden historisch im Einzugsgebiet der Nord- und Ostsee vorkommenden Arten (s.u.) aufgebaut. Zudem sollen die Arbeiten zur Wiederansiedlung auch als Mittel zur Verbesserung der Lebensgrundlagen der Tiere in den von ihnen bewohnten Ökosystemen dienen; zum Beispiel durch integriertes Gewässereinzugsgebietsmanagement mit den Zielen einer Redynamisierung und Verbesserung der Durchwanderbarkeit und Strukturvielfalt. Der Stör hat hier durch die Vielzahl der von ihm genutzten Lebensräume und seine Größe auch eine Funktion als Wegbereiter für andere Wanderfische (Lachs, Meerforelle, Schnäpel, Maifisch (Alse), Finte und Stint aber auch viele andere typische Arten der Fließgewässerfauna) mit ähnlichen Ansprüchen an den Lebensraum. Grundlage für die Maßnahmen ist der Nationale Aktionsplan Stör (AP), der 2010 auf Initiative des BMU mit den Stakeholdern verabschiedet wurde. Der AP sieht 4 tragende Säulen des Vorhabens vor (Siehe:
 www.sturgeon.de).

Nationaler Aktionsplan für den Europäischen Stör

Der Störaktionsplan der Bundesregierung wurde 2010 veröffentlicht. Er basiert auf dem internationalen Aktionsplan für A. sturio des ständigen Ausschusses der Berner Konvention und schafft den Rahmen für Schutz- und Wiedereinbürgerungsmaßnahmen für den Europäischen Stör. Er besteht im Wesentlichen aus vier Komponenten:

  • der Schutz des Störes in seinem natürlichen Verbreitungsgebiet, also in Flüssen wie auf den Meeren.
  • der Aufbau von Elterntierbeständen in Gefangenschaft und die Nachzucht von Jungfischen für den Besatz
  • der Schutz der Lebensräume
  • die internationale Zusammenarbeit für die weiteren koordinierten Arbeiten unter punkt 1 und 2. Insbesondere für den effektiven Schutz im natürlichen Verbreitungsgebiet gerade im marinen Lebensraum, ist eine regionale Zusammenarbeit unabdingbar, da die Tiere im Meer über tausende Kilometer wandern.

Der Aktionsplan bildet die Grundlage für die zukünftig zu entwickelnden Managementpläne für diese bedrohte Wanderfischart.

Für den Baltischen Stör wird aktuell im Rahmen der Helcom-Arbeitsgruppe Stör an einem vergleichbaren Aktionsplan gearbeitet, der 2017 vorliegen soll.

 

Aufbau eines Bestandes von Elterntieren

Das Aussetzgebiet an der Oder. Foto: J. Geßner
Das Aussetzgebiet an der Oder. Foto: J. Geßner
Das Aussetzgebiet an der Oste. Foto: K. Wollny-Goerke
Das Aussetzgebiet an der Oste. Foto: K. Wollny-Goerke

Aufgrund der Anpassung von Arten an ihren jeweiligen Lebensraum müssen Tiere, die ausgewildert werden, sich auch für diesen Lebensraum „eignen“. Da der Europäische Stör (Acipenser sturio) historisch verschiedene, geographisch getrennte Populationen einschloss, war die genetische Analyse und Beschreibung dieser Populationen anhand von Museumsproben und gefangenen Tieren ein wichtiger Teilaspekt des Vorhabens. Diese haben gezeigt, dass die letzten noch lebenden A. sturio aus der Gironde praktisch identisch mit den Stören sind, die historisch in der Nordsee und ihren Zuflüssen vorkamen. Für die Wiederansiedlung der Art im Nordseeeinzugsgebiet ist daher der Besatz mit dem Nachwuchs des Europäischen Störs aus der Gironde optimal geeignet. Für den Aufbau des Bestandes von A. sturio wurden 1996 im Rahmen der Zusammenarbeit mit der französischen Forschungseinrichtung CEMAGREF (jetzt IRSTEA) Tiere aus kontrollierter Nachzucht an das IGB verbracht. In Frankreich gelangen erste erfolgreiche Nachzuchten aus dem ex situ Bestand seit 2007. Mit Hilfe von Tieren aus diesen Nachzuchten wird der Elterntierbestand in Deutschland weiter ausgebaut. Ein Teil der Tiere aus Frankreich wird für Besatzmaßnahmen in der Elbe und ihren Zuflüssen genutzt.


Baltischer Stör (Acipenser oxyrinchus) mit Markierung. Foto: J. Geßner
Baltischer Stör (Acipenser oxyrinchus) mit Markierung. Foto: J. Geßner

Die ehemals in der Ostsee vorkommenden Baltischen Störe jedoch sind Nachfahren der vor ca. 1.000-2.000 Jahren eingewanderten Art des Amerikanischen Atlantischen Störs (Acipenser oxyrinchus). Besatzfische und auch geeignete Elterntiere für die Etablierung eines Elterntierbestands des Baltischen Störs konnten aus dem St. John Fluss in Kanada im Rahmen der Kooperation mit regionalen Institutionen in Abstimmung mit der ICES beschafft werden.

Besatz-maßnahmen

Ein spannendes Medienereignis. Die ersten Störe werden ausgesetzt. Foto: J. Geßner
Ein spannendes Medienereignis. Die ersten Störe werden ausgesetzt. Foto: J. Geßner
Kleine Störe mit großer Zukunft. Foto: J. Geßnerr
Kleine Störe mit großer Zukunft. Foto: J. Geßner

a) mit dem Baltischen Stör (A. oxyrinchus)

Im Mai 2006 wurden die ersten markierten und mit Sendern versehenen Jungstöre im Odereinzugsgebiet (Peene) im Rahmen von Voruntersuchungen eingesetzt. Diese Besatzmaßnahmen wurden in Kooperation mit Polen jährlich mit wechselnden Stückzahlen und Größen der Besatzfische fortgesetzt. Inzwischen wurden rund 500.000 Tiere in die Oder und ihre Nebengewässer ausgesetzt. Parallel dazu wurden Untersuchungen zum Wanderverhalten und der Habitatnutzung der Tiere im Odergebiet durchgeführt. Hierbei sollen, aufbauend auf den vorangegangenen Untersuchungen zu potentiellen Laichgebieten, die Eignung des Flussgebietes für den Aufbau eines Störbestandes bestimmt werden. Im Rahmen eines Monitorings, das auch in Zusammenarbeit mit der kommerziellen Fischerei umgesetzt wird, sollen zusätzliche Daten zu Abwanderung und Wachstum der Tiere erhoben. Bisherige Ergebnisse zeigen, dass die Störe aus der Oder inzwischen die gesamte Ostsee besiedeln. So sind Fänge vom Bothnischen Meerbusen bis zum Oslofjord gemeldet worden. Mittel dieser Monitoringdaten wird versucht, Risikofaktoren für das Überleben der Jungtiere zu identifizieren und zu quantifizieren. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen bilden die Grundlage für das Management des zukünftigen Besatzes.

b)
 mit dem Europäischen Stör (A. sturio)

Im September 2008 haben die ersten markierten und teilweise mit telemetrischen Sendern ausgestatteten Störe ihre Reise in der Elbe antreten. Seitdem fanden jährliche Besatzmaßnahmen in der Elbe und ihren Nebenflüssen Mulde, Havel, Stör und Oste statt, 2013 wurde bereits der 10.000ste Jungstör in der Elbe bei Lenzen in der Elbe ausgewildert. Aufbauend auf den Erfahrungen im Odereinzugsgebiet wurden auch in der Elberegion viele Jungstöre markiert, um die Fischerei aktiv mit in die Arbeiten einzubinden und auf diese Weise Rückmeldungen über Wiederfänge zu erhalten. Die Untersuchungen zum Wanderverhalten und der Habitatnutzung der Tiere im Elbegebiet sollen helfen, die Ansprüche der Art zu bestimmen und die Eignung des Flussgebietes für den Aufbau eines Störbestandes zu ermitteln. Aus den Fischereidaten wird auch ihre Verbreitung in den Küstenregionen nachvollziehbar. So sind hier unter mit Hilfe der Fischereiaufsicht Schleswig-Holstein bislang Fänge im Bereich des Wattenmeeres und bis nach Norddänemark erfasst worden.

Schutz der potentiellen Lebensräume für frühe Entwicklungs-stadien

Eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Wiederansiedlung ist die Verfügbarkeit intakter Laichplätze in den drei potentiell für die Wiederansiedlung vorgesehenen Flüssen Oder, Elbe und Rhein oder ihren Nebengewässern.

Im Rahmen der laufenden Arbeiten wurden bislang an der Oder und ihren Zuflüssen die historisch aus Literaturangaben belegten Laichplätze untersucht. Nach dem bisherigen Kenntnisstand eignen sich von den Gewässern des Odereinzugsgebietes einige Abschnitte grundsätzlich als Laichplätze. Einige Abschnitte bedürfen noch einer Renaturierung. Insbesondere die Nährstoffbelastung der polnischen Oderzuflüsse und die lokalen hydromorphologischen Bedingungen stellen nach gegenwärtigen Kenntnisstand die größten Einschränkungen bezüglich der Qualität der Laichplätze dar, eine Verifizierung der Befunde durch natürliche Vermehrung steht aber noch aus. In der Mittelelbe konnte das Vorkommen von Kiesbänken, die potentiell als Laichsubstrat dienen, bestätigt werden.

Bedeutend für die Etablierung der Störbestände ist neben der Qualität potentieller Laichhabitate die Erreichbarkeit dieser Laichareale, die meist in den Barbenregionen der großen Flüsse lagen. Insbesondere die Passierbarkeit von Querbauwerken setzt eine ausreichende Dimensionierung im Verhältnis zur Flussgröße und Auffindbarkeit der Wanderhilfen voraus. Auch die Strömungsgeschwindigkeit muss sich an der Leistungsfähigkeit der schwimmschwächsten Tiere orientieren. Insofern kann der Stör auch hier einer Anpassung der Maßnahmen an die Bedürfnisse der typischen Flussfischfauna den Weg bereiten.

 

Der Stör 
ist ein lebendes Fossil

Der Stör ist ein lebendes Fossil. Zeichnung H. Seibel
Der Stör ist ein lebendes Fossil. Zeichnung H. Seibel

Seine prähistorischen Spuren reichen über 200 Mio. Jahre zurück vor die Zeit der Dinosaurier. Von den weltweit 27 Arten sind heute alle gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Störe waren aber bis Ende des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Bestandteil der Lebensgemeinschaft der Flüsse Norddeutschlands. Durch die umfassende Umweltverschmutzung und Gewässerverbauung, die in Folge der industriellen Revolution stattfand, wurden seine Lebensgrundlagen weitgehend zerstört. Drastische Überfischung besiegelte das Schicksal der Art am Anfang des 20. Jhd. Der letzte Störbestand in Deutschland existierte bis 1969 in der Eider. Seitdem galt die Art in deutschen Gewässern als verschollen oder ausgestorben. Eine Restpopulation des Europäischen Störs existiert heute nur noch in der französischen Gironde.

Weiterführende Informationen:

Dipl. Biol. Dr. J. Geßner


Gesellschaft zur Rettung des Störs e.V.

 
sturgeon@igb-berlin.de

Telefon: (030) 641 81 626